Kannibalisus ist ja schon mindestens seit Hänsel und Gretel ein literarisches Thema. Der Aufbau der Geschichte in der Geschicht ist sicherlich bei Italo Calvino Reisender in der Winternacht auch schon einmal besser da gewesen. Aber trotzdem: was Mo Yan aus diesen Elementen in seinem Roman "Der Schnapsstadt" zaubert, ist sehr beeindruckend, stellenweise abstrus und durchaus geeignet, sich mehr mit zeitgenösischer chinesischer Literatur zu beschäftigen. Die Lastwagenfahrerin oder der Zwerg aus der Eselsgasse sind literarische Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Leider hat die Übernahme der postmodernen Form dazu geführt, dass sich einige Passagen trotz der Bemühungen der Nuancierung wiederholen, dahinziehen, langweilen. Dafür gibt es einen Stern weniger. Etwas Straffung hätte dem Roman gut getan. Aber die vielen grotesken Einfälle machen vieles wett, prost. Mit einer üblichen literarischen Sozialisation in Deutschland und keinen Vorkenntnissen über China oder chinesische Literatur ist der Leser hier ziemlich aufgeschmissen. Das macht einerseits den Reiz des Romans aus: Man hat beständig das Gefühl, so etwas noch nie gelesen zu haben, eine völlig neue Leseerfahrung zu machen. Andererseits erschwert es natürlich die Lektüre, denn es gibt hier keine Annäherung an das Sujet oder die Protagonisten, alles BLEIBT "erschütternd fremd" - und das hilft schlecht über 512 Seiten.
fesselnd:
-die experimentelle Erzählweise, die Verwischung von Bewusstseinsebenen, Erzählperspektiven, die besoffene, rauschhafte Schreibweise
-der vollkommen schräge und spannende Plot
-die postmoderne Konstruktion des Romans, mit vielen Querverweisen
-die selbstironische Haltung Mo Yans, der ironische Dialog mit seinen Zensoren und Kritikern
beeinträchtigend:
-die experimentelle Erzählweise, die Verwischung von Bewusstseinsebenen, Erzählperspektiven, die besoffene, rauschhafte Schreibweise ... ;)
Das macht es schwer, die Romanhandlung nachzuerzählen, was bleibt, sind lediglich Bilder und Impressionen, eben wie nach einem Rausch.
-das schwer nachvollziehbare Verhältnis zwischen Sonderermittler Ding Gou'er und der "Lastwagefahrerin", der Wechsel von Zueinanderhingezogen- und Voneinanderangewidertsein, von Sex und Gewalt zwischen ihnen
-häufiger Wechsel von Textgattungen
Wer gern Experimentelles, Surreales mag und sich dabei vielleicht für moderne chinesische Literatur öffnen, evtl. mit Vorurteilen aufräumen möchte, zu empfehlen
Trotz allem finde ich diesen Roman nicht halb so gut wie Mo Yan's Roman "Knoblauchrevolte" (oder auch "Rotes Kornfeld"), der auch sehr experimentell erzählt ist, aber in einem ganz anderen Auftrag unterwegs, einfach politischer und berührender ist. Mo Yan (Keine Sprache) ist das Pseudonym von Guam Moye, der 1956 in Gaomi in eine bäuerliche Familie hinein geboren wurde. Er wurde bereits diverse Male für seine Texte ausgezeichnet
Der Sonderermittler der Regierung aus Beijing wird in die Provinzstadt Jiuguo geschickt, wo neben der Kohleförderung besonders die Schnapsherstellung in hohem Ansehen steht. Neben den hochgeistigen Genüssen sollen sich die dortigen Honorationen aber auch einem anderen Genuss zugewendet haben, der nicht unbedingt gutgeheißen wird. Seit Neuestem scheinen dort nämlich kleine Jungen auf der Speisekarte zu stehen.
Zunächst allerdings muss sich Ding Gou'er der Sonderermittler mit allen möglichen Leu-ten zur Begrüßung anstoßen, was ihm Alkoholmengen ins Blut
ingt, die an das Phantasti-sche grenzen und dann auch noch weit darüber hinaus gehen. Und in diesem Zustand scheint er mehr oder weniger unfreiwillig selbst an einem dieser verbotenen Gerichte Anteil zu haben. Und so beginnt seine weitere kafkaeske Reise durch die Schnapsstadt.
Zum Glück ist dies alles nur ein Roman, mit dem sich der Autor Mo Yan ziemlich schwer tut. Als er daran sitzt bekommt er Post von einem jungen Nachwuchsautoren, der in Jiuguo Doktorand für Alkoholkunde ist. Er möchte gerne den berühmten Autoren als Lehrmeister gewinnen und schickt ihm immer wieder neue Geschichten zu, die von seinem Leben in der Schnapsstadt geprägt sind.
An diesem Roman kann man sich wirklich betrunken lesen und er enthält auch ein wenig politische Kritik, aber diese ist wirklich eher am Rande wahrnehmbar. Die Themen Essen meist eher Ekel erregender Gerichte und exzessives Trinken treten so sehr in den Vorder-grund, dass sogar Sex nur noch eine Nebenrolle spielt. Die Lektüre dieses Buchs ist im Bereich der Kernthemen überaus lehrreich, aber es wird dabei inhaltlich auch viel wiederholt, so dass dies zwar eine andere aber auch sehr ermüdende Leseerfahrung darstellt.
An dem Roman "Schnapsstadt" kann man sich berauschen. Es liegt ähnlich viel Alkohol zwischen den Zeilen wie bei der "Reise nach Petuschkin" von Wenedikt Jerofejew, aber auch nüchtern betrachtet handelt es sich bei Mo Yans Buch um gelungene Literatur.
Der Aufbau des Romans ist postmodern. Da tritt der Autor, der auch das Drehbuch zu "Das rote Kornfeld" geschrieben hat, selbst als Mo Yan auf, der den Prozess des Schreibens reflektiert und in den Bann seiner selbsterschaffenen Figuren gezogen wird. Er erlebt selbst denselben Rausch wie der von ihm erfundene Ermittler in Sachen Kannibalismus und lernt die Protagonisten seines Werkes am Ende kennen. Er spielt mit Erzählperspektiven und erfundenen Realitäten.
Die Sprache gibt fantastisch den Gefühlszustand der Pesrsonen wieder - und je blauer der Ermittler der Oberstaatsanwalt beschrieben wird, desto zerfaserter werden die Sätze. An manchen Stellen macht das Lesen daher Mühe. Der rote Faden kommt abhanden, aber das ist plausibel und gewollt.
Wunderbar sind die sprachlichen Metaphern, die bilderreiche Sprache. Manche Vergleiche wirken zuerst schief und beim zweiten Lesen doch passend. Nie sind die sprachlichen Bilder abgedroschen. Alle Vergleiche sind originell.
Die Komik des Romans basiert nicht auf Kalauern. Es ist ein intelligenter Witz, mit dem hier über die Verflechtungen in Chinas Gesellschaft gelacht wird. Als jemand, der China nicht kennt, kann ich nicht beurteilen, wie scharf die Satire ist - und wie treffend. Auf alle Fälle werden keine Chinaklischees bedient. Die Charaktere sind keine blauen Ameisen.
Gibt es nun in der Schnapsstadt Kannibalismus?
Wer weiß!
Ursprünglich war der Sonderermittler Ding Gou'er als ein Agent mit geradezu übermenschlichen Fähigkeiten geplant, ein
illianter Kriminalist und ein außerordentlicher Kämpfer", erinnert sich Mo Yan, der Autor. Doch dann erhält er Post von Li Yidou, einem Doktoranden der Alkoholkunde, der seine Abschlussarbeit über "die Romane des lateinamerikanischen magischen Realismus und die Alkoholdestillation" geschrieben hat und in der Schnapsstadt lebt. Li Yidou schreibt in seiner Freizeit Geschichten und legt eine davon, "Fleischkind" bei - sowie zwölf Flaschen "Tausend grüne Ameisen".pIn der Geschichte werden kleine Kinder von den Bauern an die Parteikader und die Neureichen der Schnapsstadt verkauft, die diese als besondere Delikatesse schätzen gelernt haben.
Aber wer isst schon kleine Kinder? Nein: "Was wir hier essen, ist kein Menschenfleisch, sondern ein mit Hilfe spezieller Küchentechniken zubereitetes Gericht für Feinschmecker." pWorthülsen sind es, mit der Politiker der Schnapsstadt hantieren, die Revolution ist längst tot, sie liegt auf dem Heldenfriedhof der Stadt, bewacht von dem letzten Revolutionär, der einst mit Mao im Yangtze schwamm, nun aber über achtzig ist und bald werden ihn die Ratten fressen.pDerweilen läuft dem Autor Mo Yan seine Geschichte aus dem Ruder, er erhält immer neue Briefe von Li Yidou mit Geschichten über die Schnapsstadt, sein Sonderermittler Ding Gou'er ertrinkt in Alkohol und dreht immer abenteuerlichere Loopings: "Gerade jetzt, in diesem Augenblick, tummeln sich bizarre Bilder in seinem Hirn: Affen, die Schnaps
ennen und den Mond vom Himmel holen; ein Ermittler, der mit einem Zwerg kämpft; goldgestreifte Schwalben, die Nester aus Speichel bauen; der Zwerg tanzt auf dem Bauch einer schönen Frau; ein Doktor der Alkoholkunde vögelt seine eigene Schwiegermutter; eine Journalistin fotografiert ein gedünstetes Kind; Tantiemen, Auslandsreisen; ..."pDie Schnapsstadt ist eine Burleske, in der gesoffen, gefressen, gehurt und gefurzt wird, aber auch eine Parabel über das aktuelle China, die Worthülsen, mit denen die Partei ihre Herrschaft und die neue Politik des Geldscheffelns ver
ämt. Mo Yan spielt mit allen Versatzstücken, lässt die absurdesten, die treffendsten Metaphern aus seiner Feder fließen, sein Roman erinnert an die "Hundert Jahre Einsamkeit" von Marquez und ist doch ganz anders.pKein leichtes Buch, kein Buch, um es in einer Nacht zu verschlingen. Grade am Anfang wird der Leser sich hart tun, oft einen Anhang mit Erläuterungen vermissen. Eigentlich ein Buch um Abends ein Stückchen zu lesen, es wegzulegen und am nächsten Abend will man doch wieder weiterlesen. Manchmal etwas ausufernd, aber immer voller Fantasie, ein grellgeschminktes Sittengemälde des neoliberalen Chinas, eine Kreuzung aus Breughel und Salvatore Dali.Pasta-Set BOLOGNA oder Spaghetti - Set
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